Gedichte und Kurzprosa aus der Reihe "Suchgang"                                                                                          Autorenschaft © hjsch


nachts

Dinge die wir jetzt denken
uns wichtig sind
im Schutze der Nacht
aber auch im Ungewissen
sollten morgen noch bestehen
im klaren Morgenlicht
in gleicher Ehrlichkeit
   unverrückbar in Vertrauen und Liebe


näherrücken

So nahe dass Augenpaare schmelzen
ineinander überfließen
Körper sich auflösen
und Sehen in Fühlen übergeht
 Der Atem aussetzt im stürzenden Lift
schneller und schneller
Uns Wärme einhüllt
feucht und labend
Taumelnd sich fallenlassen
und Zeit wird ewig



noch auf der Autobahn

Dich tanken mit Nähe und Lust
überlaufenlassen die Markierung
Puls und Oktanzahl im Fieber liegen
und feucht der Kolben wird
wenn die Ventile spielen
       Armaturen glimmen und Augen noch so fern



einmal noch

einmal noch möcht` ich dir nah sein
aufnehmen den irren Duft der Haut
  berühren deinen Körper tasten schmecken
mit meinen Lippen dich benetzen
 bis meine Zunge feuchtet warm den Schoß
so komm und gib mir diese eine Stunde
einmal noch




                    Meine Nacht mit dem KONJUNKTIV oder Übungen zur Grammatik

Der Konjunktiv heißt Barbara und ist unverwechselbar weiblich von Geschlecht; daher:
die Frau. So hat es auch die deutsche Grammatik festgelegt.
Wir beide kennen uns ein Vierteljahr. Sie ist Lehrerin und ich bin in einer Bürofirma.
Und wie das so ist zwischen Mann und Frau, kommt eines Tages genau die Frage, die
Lust, die Gelegenheit - es tun zu wollen.

Die Frau am Tag, das Weib zur Nacht und der Mann dazwischen; drei deutsche Artikel im Widerstreit der Gefühle: Es ist zu früh, unpassend im Park, das Auto zu kalt; auch biologische
Gründe -
oder: vielleicht morgen  k ö n n t e  ich dich besuchen, sagt sie lächelnd beim letzten Treff.
DAMIT sind wir endlich beim KONJUNKTIV.

Ich heize die Stube ein, borge mir den Staubsauger vom Nachbarn; der Spiegel im Bad wird wieder Spiegel und ich rücke die Couch ans Fenster mit Blick zur Elbe.
Eine Sonnenblume im Topf, frisch von einer Gärtnerei; zwei alte Weingläser vom Trödelmarkt
werden neu poliert - und ein Mann im Superlativ, zur Höchstform auflaufend an diesem Sonntagnachmittag.

Mein `Konjunktiv` kommt wirklich. Langer schwarzer Mantel mit spanischer Hutkappe. So habe ich sie noch nie gesehen. Schön ist sie, ich sollte es ihr endlich sagen und möchte sie über die Schwelle tragen.
Wir genießen die Sonne, die Wärme der Wohnung, den Ausblick und ich spüre ihre Vertrautheit, wenn ihr Gesicht mir nahe kommt und ihre Augen glitzern.

Ich finde den Korkenzieher nicht. Der Müller-Thurgau bleibt geschlossen, aber ihr Body öffnet sich. Mein Konjunktiv  wird zum Aktiv, aber es ist nun keine Zeit für Wortlehre und Sprachübungen. Der Nachmittag wird zum Abend, der Abend zur Nacht und es wird mein schönster Konjunktiv, aufregend und einprägend. Diese Unterrichtsstunde möchte ich nicht missen.





                      Miniaturen aus der Reihe "unterwegs"
                                                                   Autorenschaft © hjsch


Tauchgang

In stürmischen Wogen eines Herbstes
tauchen wir hinab in eine neue Welt.
Nach geraumer Zeit der Anspannung
ergreifen uns Unruhe, Angst und Atemnot.
Ballast und wertvolle Ladung gehen von Bord,
auch einige Seelen springen ab.
Diese Verluste sorgen für raschen Auftrieb.
Wir sehen wieder Ufer in einer uns fremden Welt.

(es begann am Hauptbahnhof Dresden im Oktober 1989)


Zirkus

Sich fallenlassen
vom Trapez des Lebens
und der Fänger ist zur Stelle
Manchmal nicht


Chefsache Ost

Heute sind es 32 Bewerbungen, nicht etwa meine.
Nein, vom Vormittags-Posteingang meiner Firma,
liegen sie nun auf meinem Bürotisch.
Zweiunddreißigfache Hoffnungen und auch Schicksale.
Wir haben nicht inseriert oder ausgeschrieben;
nein, nein - wir stellen nicht ein.
Es sind die sogenannten `Blindbewerbungen`
und manchem Schriftstück merkt man die Panik an.
Es werden noch heute 32 Absagen: Standardtext,
allgemein, kurz und höflich.
Ich trinke meinen Tee und blicke aus dem Fenster.
Der nächste Stapel kommt um Zwei.



Wir gehen Fein-Essen
oder Der Tod der Garnele

Er vollzog sich völlig undramatisch aber professionell.
Gefangen im Mittelmeer, verarbeitet in Sizilien und nun aufbereitet auf zwei
deutschen Tellern in einem italienischen Restaurant in der Dresdner Neustadt.
Eine kurze Andacht, ein Stoßgebet - weder noch. Das Besteck rückt näher und
die Beilagen machen uns Appetit.
Wen kümmert es an diesem Abend, dass ein einsamer Mann mit grüner Weste
draußen vor der Tür sein Schild schwenkt: "Wer Garnelen tötet und verzehrt,
macht auch vor Primaten nicht halt".
Nun, wir Primaten prosten uns zu; der Weißwein schmeckt und wir haben kein
schlechtes Gewissen. Zeitung lese ich nicht; ich habe Arbeit und die Politik bleibt
draußen, nur Rosi nehm`ich mit ins Bett.


Europa ruft

Langsam bricht die Dunkelheit an und sie verlassen das Versteck.
Sie nähern sich heimlich der Grenze, hoffen auf Wärme und Zukunft,
Schutz und Geborgenheit.
Ihre Kopftücher verhüllen das Gesicht, die Kinder fest an der Hand -
so vertrauen sie sich dem unbekannten Schlepper an.
Dann endlich der deutsche Grenzpfahl und ein großes Schild:
> Wegen Reichtum geschlossen <



Wieder ein Traum

Träume sind Schäume und lassen sich herbeirufen,
diese wogenden Farben  und Bilder; machen das Rauschen
des Windes fühlbar, das Prickeln der Haut.
Wärme zieht in meinen Körper und Zufriedenheit.
Gefühle durchfluten mich; abheben und schweben.
Im Zurückblicken nur sanfte Hügel, hellgrüner Wald -
so wie die Farbe dieser Pillen, die mir die Einsamkeit nehmen.




          Kurzgeschichten aus der Reihe "Land und Leute"
                                                                 Autorenschaft © hjsch


                                              Ein ländlicher Ausflug

So eine typische dunkle Nobelkarosse fährt vor, straff in den Mühlenhof.
Die beiden Müllerskinder blicken neugierig und kommen heran.
Ich aber suche die Müllersleute und betrete den zutrittsverbotenen technischen
Betriebsraum. Die Müllerin blickt irritiert, hatte sie doch meine Auffahrt mit der Staubwolke bemerkt. Der Müller brummig, werkelt an den Gerätschaften, sieht mich nicht.
Dann meine Wünsche .... und wir kommen tatsächlich ins Gespräch.
Nach einer halben Stunde dringt Heiterkeit aus der Mühle, wir lachen und der Müller hat eine Pranke, die `Gott sei dank` zum herzlichen Abschied nur meine Schulter streift.

Was war geschehen? Vier Beutel`chen Mehl kaufte der Stadtmensch mit dem SchönWetterAuto.
Schrotmehl, dunkel und hell und Sonnenblumenkerne. Und wir haben über häusliches Brotbacken, über alte Rezepturen aus Pommern und der Mark Brandenburg gesprochen und ich machte mir Notizen, sollte wiederkommen mit meinem Apfelhauswein nach der Herbsternte.

Die Müllerskinder hatten inzwischen mit ihren staubigen Barfußbeinen das Auto besetzt.
Ich soll die Motorhaube öffnen, rufen sie; das Bürschlein mit den Sopmmersprossen
und seine kleine Schwester mit den struppig kurzen Haaren -
soll den Motor erklären und hab`doch keine Ahnung.

Ich fahre los. Zurück bleiben Reifenspuren, tiefe Spuren im Sand des Hofes
und ein kleines warmes Erlebnis in einem großen unterkühltem Land.



                                                     AUSBLICKE

                                      Das Unbekannte und die Ferne
                                      Bereiten dem Einen Angst und Verzagtheit
                                      Einem Anderen
                                      Neugier und Aufbruch
                                      Und dir
                                      Innehalten und Umkehr

                                      (C) hjsch




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Aus der 2015-Sammlung:     "Tatort Deutschland"    (c) hjsch


                                                   Wir schaffen das
                                                 Das Kanzlerwort gilt
                                                Wann wiederholt sie es




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                                                                                                                                                  GastBeiträge
                     
Blau

Kiefernzapfen und Steine pressen sich in meinen Rücken. Der Wind streift durch die Wipfel der Bäume, leise plätschern die Wellen des Sees.
Von fern höre ich Kinderstimmen, fern genug, um die Augen geschlossen zu halten
und deine Hand auf meinem Körper zu spüren.
Die Hand gleitet mühelos, meine Haut ist schweißnass und sonnengeölt.
Manchmal trippeln die Finger wie ein Ameisenheer, manchmal skizzieren sie einen verschlungenen Fluss zwischen Haaransatz und kleinem Zeh.
Deine Haut schmeckt salzig. Wir werden schwimmen gehen müssen.
Später.
Ich öffne die Augen. Der Himmel weitet sich. Ich schwebe in sanftem Blau.

(Aisha)

                                                         April-Kristall

                                             Die Heftigkeit deiner Begierde
                                                   tief in meinem Schoß
                                                               zündet
                                                       schlägt Funken
                                                           ich brenne
                                                       mitten im Schnee

                                                         Kristalle aus Eis
                                                       auf meinen Lippen
                                                              erfrischend
                                                                     und

                                                                      kalt

                                                        fast wie ein Abschied

                                                                    (Aisha)


Die Liebenden

Die Zeit war voran geschritten und unter dem Mantel der Verschwiegenheit hatten die Liebenden den Rausch des ersten Zusammenseins hinter sich gelassen. Nun kam der Augenblick des Abschieds. Sie zögerte ihn hinaus.
Lange hatte sie mit sich gerungen die platonische Ebene ihrer Beziehung zu verlassen.
Dieses Zögern erklärte sich sich einerseits mit ihrer Kenntnis durchaus hämisch formulierter Artikel einschlägiger Blätter zu diesem Thema. Andererseits erwog sie, wie viel ihre Selbstwürde Schutz verdiente.
Und nun schmolz die wenig verbliebene Zeit dahin.
Sie schwieg, während er locker wirkte, ja überaus gelassen. Für ihn war es die Ruhe vor dem Sturm, der vorher in ihm wild getobt hatte. Seinen Ausbruch hatte er herbei gesehnt ohne darüber nachzudenken, was dem Nachgeben seines Dranges folgen würde.
Es war das Recht der Jugend.
Aber ihr waren alle kleinen Anzeichen ihres Alters bewusst. Er war wirklich jung und jede Offenbarung, die sie sich leistete, empfand sie als Schmälerung ihrer unabhängigen Selbstwahrnehmung. Nie wieder würde sie sich in der Lage sehen, so unbefangen wie vorher mit ihm umzugehen.

Sie verließ ihn in der Hoffnung, er habe sie nicht erkannt.

(Solvig Frey)


                                                               
                                                                    kampf
                                                                    nachts
                                                                    wenn der mond fällt
                                                                    zur sichel gemacht

                                                                    liegt uns zu füßen
                                                                    niedergemetzelt
                                                                    die sternenschar

                                                                       (Solvig Frey)
                                

                        
                          mythologie

(1)

vorgestern waren die mächtigen götter
von vorgestern unfehlbar.
gestern wurden die unfehlbaren götter
von vorgestern gestürzt von den
unfehlbaren göttern von gestern.
gestern wren die götter von vorgestern
verbrecher.

(2)

gestern waren die mächtigen götter
von gestern unfehlbar.
heute wurden die unfehlbaren götter
von gestern gestürzt von den
unfehlbaren göttern von heute.
heute sind die götter von gestern
verbrecher.

(3)

die heutigen götter sind unfehlbar.

(4)

morgen waren die mächtigen götter
von morgen unfehlbar.
übermorgen wurden die mächtigen
götter von morgen gestürzt
von den unfehlbaren göttern von
übermorgen.
übermorgen waren die götter von morgen
verbrecher.

(5)

so stürzten die götter von vorgestern,
gestern, morgen und übermorgen.
zum Glück haben wir die götter von heute.

(Bernd Hutschenreuther)